Der Gesang des Wolfes                                                                      

 Es waren ein alter Mann und eine alte Frau, fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen, als siebte Meciuté. Am Morgen steht das Mütterchen auf: »Meciut Meciut, treib die Schäfchen aus. Gib dem Hündchen zu fressen und treib sie aus.« Meciuté isst, gibt dem Hündchen zu fressen und treibt aus. 
Sie sitzt auf ihrem Baumstümpfchen – der Wolf kommt. »Mecuit Mecuit, ich werde deine Schäfchen fressen« Grapsch! Und er trägt ein Schäfchen fort. Und es sind nur noch vier. 
Am Abend treibt sie ein, das Mütterchen fragt: »Meciut Meciut, sind es alle Schäfchen?« »Alle«, sagt sie. »Hast du sie eingesperrt?« - »Habe ich.« - »Salz dir die Betensuppe mit Kieselsteinchen, iss selbst und gib dem Hündchen zu fressen.« Sie salzt die Suppe, isst zu Abend, gibt dem Hündchen zu fressen und legt sich schlafen. 
Am Morgen weckt sie das Mütterchen: »Meciut Meciut, Schäfchen austreiben. Meciuté steht auf, isst Betensuppe mit Kieselsteinchen gesalzen, gibt dem Hündchen zu fressen und treibt aus. 
Sie sitzt auf einem Baumstümpfchen und fürchtet sich vor dem Wolf. Und der Wolf kommt wieder: »Meciut Meciut, ich werde dir ein Liedchen singen.« Und er singt:
»Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau,
fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen,
Als siebte Meciuté.« 
Grapsch! Ein Schäfchen und er trägt es fort. Nun sind es nur noch drei. Sie treibt nun nur drei Schäfchen ein. Das Mütterchen fragt: »Meciut Meciut, sind es alle Schäfchen?« »Alle«, sagt sie. »Hast du sie eingesperrt?« - »Habe ich.« - »Iss zu Abend, gib dem Hündchen zu fressen und leg dich schlafen.« Sie legt sich hin. 
Am Morgen weckt sie das Mütterchen wieder, die Schäfchen austreiben. Nun sind es nur noch drei Schäfchen. Meciuté treibt die Schäfchen aus – sie fürchtet sich schon, sie an den Waldrand hinzutreiben. Sie sitzt auf einem Baumstümpfchen – und wieder kommt der Wolf: »Meciut Meciut, ich werde dir ein Liedchen singen.« Sie schimpft bereits und will kein Liedchen: »Ach«, sagt sie,»dieses Liedchen will ich nicht!« Und Meciuté weint, sie will dieses Liedchen nicht hören. Aber der Wolf singt wieder: 
        »Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau,
         fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen,
 Als siebte Meciuté.« 
Grapsch! Und schon sind es nur noch zwei Schäfchen. Sie treibt ein. Das Mütterchen fragt: »Meciut Meciut, sind es alle Schäfchen?« »Alle«, sagt sie. »Hast du sie eingesperrt?« - »Habe ich.« - »Iss zu Abend, gib dem Hündchen zu fressen und leg dich schlafen.« Sie legt sich hin.
Am Morgen treibt Meciuté nur noch zwei Schäfchen aus. Sie hütet. Der Wolf kommt: »Meciut Meciut, ich werde dir ein Liedchen singen.« Meciuté will schon nicht mehr, und doch singt der Wolf wieder:
»Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau, 
         fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen,
Als siebte Meciuté.« 
Immer das gleiche Liedchen. Grapsch! – es blieb nur noch ein Schäfchen. Der Abend kommt, sie treibt nur noch ein Schäfchen ein. Und wieder fragt das Mütterchen: 
»Meciut Meciut, sind es alle Schäfchen?« - »Alle«, sagt sie. »Hast du sie eingesperrt?« - »Habe ich.« - »Iss zu Abend, mit Kieselsteinen gesalzene Betensuppe, gib dem Hündchen zu fressen und leg dich schlafen.« 
Am Morgen weckt sie das Mütterchen wieder, die Schäfchen austreiben. Meciuté treibt das Schäfchen aus. Sie sitzt auf einem Baumstümpfchen und weint. Und der Wolf kommt: »Meciut Meciut, ich werde dir ein Liedchen singen.« Und er singt:
 »Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau,
 fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen,
 Als siebte Meciuté.«
 Grapsch! Und schon hat er das letzte Schäfchen. Meciuté geht nach Hause. Mütterchen fragt: »Meciut Meciut, sind es alle Schäfchen?« - »Alle«, sagt sie. »Hast du sie eingesperrt?« - »Habe ich.« - » Dann iss zu Abend und leg dich schlafen.« Sie legt sich hin. 
Am Morgen weckt sie das Mütterchen wieder, die Schäfchen austreiben. Meciuté steht auf und geht nur mit dem Hündchen raus. Sie sitzt auf einem Baumstümpfchen. Der Wolf kommt: »Meciut Meciut, ich werde dir ein Liedchen singen.« Sie sagt schon nichts mehr, weint nur.
 »Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau,
 fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen,
 Als siebte Meciuté.«
 Grapsch! und er packt das Hündchen. Meciuté bleibt allein übrig. Am Abend kommt sie nach Hause. Mütterchen fragt: »Meciut Meciut, sind es alle Schäfchen?« - »Alle«, sagt sie. »Hast du sie eingesperrt?« - »Habe ich.« - »Dann iss zu Abend, gib dem Hündchen zu fressen und leg dich hin.« Meciuté isst zu Abend und legt sich hin.
 Am Morgen wieder: »Steh auf, Meciuté, treib die Schäfchen aus.« Und nun geht sie allein zum Waldrand hin. Der Wolf kommt: »Meciut Meciut, ich werde dir ein Liedchen singen.« - »Ach, was willst du noch singen, wo es schon kein Schäfchen mehr gibt und kein Hündchen.« Und er singt wieder:
 »Es war einmal ein alter Mann und eine alte Frau,
 fünf Schäfchen, als sechstes ein Hündchen,
 Als siebte Meciuté.«
 Grapsch! – und er trägt Meciuté fort. Und Meciuté, die im Bauch des Wolfs sitzt, sagt: » Gevatter, Gevatter, trage mich in die Scheune meines Vaters.« Der Wolf trägt sie in die Scheune des Vaters. » Gevatter, Gevatter, trage mich auf den Hof meines Vaters.« Er trägt sie hin. » Gevatter, Gevatter, trage mich auf den Ofen hinauf.« Er trägt sie hin. Da kommt sie plötzlich herausgekrochen: »Väterchen Mütterchen, der Wolf ist in der Stube.« Und sie schlugen den Wolf tot.
 
 
Litauische Volksmärchen, übersetzt und herausgegeben von Jochen D. Range, Eugen Diederichs Verlag 1981.
Der Text wurde von mir leicht verändert. Nach reiflicher Analyse lautet bei meiner Erzählung der Schluss wie folgt: ... nachdem Mecuité aus dem Wolf (der Wölfin?) gekrochen ist, springt dieser fort. Die alten Eltern sterben bald und für Mecuité beginnt eine neue Zeit. 
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